Tuesday, 5. October 2004

Er nahm mich einfach von hinten, die Sau. Ich hatte nicht damit gerechnet und es tat höllisch weh. Ich war 19 oder 20, er war 36 und ein leicht runtergekommener Schreiber. Journalist aus Hamburg, das imponierte dem kleinem Mädchen. Das mit dem Sekt auch. Das mit Cabrio, dem alten, auch. Das mit dem Essen gehen auch. Das mit der Narbe sowieso. Zudem Charme galore. Ich war aber nicht doof. Ich wusste ja was er wollte, aber ich war mir nicht sicher, was ich wollte. Einen Kerl, dessen Hemdkragen immer ein wenig speckig waren? Einen, der, wenn er besoffen war, immer von Beirut in den 80ern erzählte? Davon wie komisch es war, morgens beim Brot kaufen immer erst schauen zu müssen, wie sich denn über Nacht die Frontlinie verschoben hatte, und ob die echt bösen Milizen jetzt die Straßeseite mit dem Bäcker kontrollierten oder doch die anderen. Von den Einschusslöchern, von den genervten Aufstöhnen, wenn man schon wieder in den Keller des Hotels gehen musste, wo es aber eine Bar gab, die von einem verrückten Nordiren geführt wurde, der immer lachte, und meinte, man solle mal eine Nacht in Belfast sein, das hier sei doch Kinderkacke. Von den zerfetzten Körpern, die man sich nicht ausmalen könne. Die hatte er so oft gesehen. Auch im Iran ein paar Jahre früher, als er noch jung war, und dachte, da könne er die Geschichte seines Lebens schreiben, aber die Mullahs ließen ihn nicht, und warfen ihn raus. Das einzige was er sah, waren die vielen Männer die an Bäumen baumelten.

Er war ein echter Glücksfall in dem Moment. Ich war gerade verlassen worden, weil ich zickig war. Ich konnte all diese Jungs mit dem breiten Gang nicht mehr sehen, die ihre Finger auf das Blech ihrer Autos legten, als ob sie den Hintern einer Frau berühren wollten. Und die eigentlich nur ficken wollten, um Montag abend nach dem Fußball unter Dusche erzählen zu können, dass sie am letzten Samstag gleich drei Finger in der Möse ihrer Freundin hatten, die so geil und betrunken war, dass sie am Ende alles geschluckt hat. Alles schön sauber geleckt, hörte ich da mal einen sagen, der nicht wusste, dass ich es hören konnte, und dabei grinste er wie nach einem Lottogewinn. Sie gingen mir auf den Geist, die Jungens, die Halbstarken, mit den Breitreifen, aber auch die, die plötzlich vergreisten, die plötzlich geil aufs lernen wurden, auf das Jurastudium, oder BWL. Hey, darauf kann ich stolz sein, fällt mir ein. Nie mit einem BWLer im Bett gewesen. Nur mit Maklern, Anwälten und anderen Irren. Und einem Architekten. Damals gab es aber nur Jungens mit schlechtem Musikgeschmack und weiten Hosen. S. war da anders und er riss mich aus meiner drohenden Muffigkeit raus. Das war toll, mit ihm in der Hotelbar zu sitzen und seinen Geschichten zu zuhören. Das war toll seiner sanften, bärigen Stimmen zu lauschen. Das war toll seine leicht rauen Hände auf meinem Bein zu haben. Er war ein guter Liebhaber und er machte mich für Momente glücklich mit seinem Glück. Manchmal weinte er nach dem Sex und dann sagte er immer, das er noch nie so glücklich gewesen sei. Dann schlief er ein und ich lag dann noch da, mit pochendem Herzen, mit Gedankentürmen, die ich nicht abtragen konnte, eingeschlossen zwischen seinen Beinen, die mich festhielten und unentschieden zwischen dem Wunsch jetzt gleich zu gehen, oder doch noch mal zu warten. Mir war klar, dass das auf Dauer nicht gut gehen konnte, und ich hatte Angst, dass er plötzlich Sachen wie "Heirate mich" sagen würde. Ich hatte von den Männern, die so Mitte/Ende 30 waren, gehört. Das waren die, die sich nie richtig entscheiden konnten, nie für die richtige Frau, nie für Kinder und die plötzlich alles nachholen mussten. Kinder, Frau, Baum, Haus, Heirat, Hund, Tod. Das war, soviel war mir damals klar, ganz bestimmt nicht meine Nummer, denn ich wollte nach London um dort in Clubs viel zu trinken und distinguierte Engländer kennen zu lernen. Es ging ein paar Monate gut. Manchmal sehr gut, manchmal gar nicht gut. Irgendwann war er betrunken an der Bar und erzählte wieder diese Geschichte von dem jungen Mädchen, dass da vor seinen Augen, vielleicht drei Meter entfernt von einem Scharfschützen erschossen wurde, und dann da lag und stöhnte, und er wollte ihr helfen, aber sein libanesischer Kollege hielt ihn zurück, weil das eine Falle war, weil der Scharfschütze nur noch einen haben wollte und die Frau war der Köder. Seine Augen waren so leer dabei, völlig leer, kalte Kohle, ohne Emotion, und ich dachte, nein, das geht nicht, ich kann das nicht, ich will nicht der Wetzstein sein, an dem er sich abarbeitet.

Ich hab S. bestimmt dreimal weggeschickt und er kam immer wieder an. Jedes Mal nach außen hündischer, aber um seine Augen, da war so ein verärgerter Zug, eine Härte, eine Unverständnis, wie ich kleines Mädchen ihm, dem weitgereisten, alles gesehen habenden, das an tun könnte. Das paßte nicht in sein Hirn. Er dachte wohl, dass ich einerseits seinen Entschluss testen will, andererseits die harte Tour haben wollte. Den ganzen Mann spüren, der sich nimmt was er will, wenn er sicher ist, aber die Frau noch dusselig rumsteht. Er hatte wohl zuviel dieser Filme gesehen. Jedenfalls fing er an mich im Bett zu beschimpfen. Fotze. Sau. Schlampe. Diese Sachen. Ich fand das extrem merkwürdig, aber vielleicht hätte es mich ein kleines bisschen geil gemacht, wenn da nicht dieses Blitzen in seinen Augen gewesen wäre, dass irgendwas mit Macht und damit zu tun hatte, dass er so seine Verletzung los werden konnte. Ich sagte ihm "Lass dass" und er weinte am Ende wieder. Vor Glück, meinte er. Nach jeder Trennung machte er was anderes im Bett, und ich kam mir vor wie einen Boxkampf, in dem es um Respekt ging. Aber nicht um meinem, der war ihm völlig egal, sondern nur um seinen.
In meinem Hintern einzudringen war dann aber eine Nummer zu viel. Er hätte ja wenigstens vorher fragen können und ich schoss wie, na ja aufgespießt eben, aus dem Bett. Nicht, dass er es nicht hätte machen dürfen. Es interessierte mich schon, wie sich das anfühlen würde, aber nicht so. Nicht als Machtbeweis. Es war respektlos. Ich hab ihm eine gescheuert. Ich hab ihn angebrüllt, er solle sein blödes Spiel beenden, aber da er das nicht könne, würde ich das jetzt endgültig machen. Wichser! Wichser! Wichser! Hau ab. Ich hab ihn 10 Minuten lang angebrüllt, wie eine Furie und er lag im Bett schaute mich bewegungslos an, während seine Erektion zusammenfiel. Geh wieder nach Beirut, sagte ich ihm, geh das Blut lecken, das brauchst du, keine Frau mit Kind. Ich habe nach der Nacht nur noch ein paar halbherzige Anrufe von ihm bekommen. Die meisten hat mein damaliger Mitbewohner angenommen.

Dass er nicht beim Stern war, bekam ich erst Jahre später raus, als ich einen kennen lernte, der beim Stern war, und der lachte, als ich den Namen aus meinem Gedächtnis kramte. Er murmelte was von "Freier" und lachte noch mehr, als ich Beirut erwähnte. Der ist doch nie südlicher als München gewesen. Es zerlegte sich die Geschichte mit ihm immer mehr als ich weiter nachbohrte und mir in hoher Frequenz Gin orderte. Nix Iran, nix Beirut, gar nix. So weit sich der Kollege erinnern konnte, war S. dafür bekannt, dass er seine Spesen überzog und unpünktlich lieferte. Kleine Geschichten, irgendwelche HerzSchmerzSchicksal Dinger, wie "Frau verliert bei Unfall alle Kinder" uns so Sachen. 30 Zeiler. Nichts. Wo er das Geld für seinen Lebenswandel her hatte, wusste wohl keiner, aber das interessierte auch keinen, da war Hamburg damals wohl nicht anders als heute. So lange man so ein Auto hat, so lange man seine Drinks bezahlen kann und gut essen geht, so lange wird das wohl alles seine Ordnung haben. Er wusste auch nicht, was aus S. geworden ist. Halt verschwunden.
Es ist zwar lange her gewesen, aber es tat trotzdem weh, als ich durch diesen blöden Zufall die Geschichte gehört habe. Er tat mir dann irgendwie leid. Wieviel Mühe musste er darauf verwendet haben, diese Storys zu erfinden, wie viel Angst, entdeckt zu werden. Wie viel Gedanken nachts, alleine, ob der Lügen. Und plötzlich war mir klar, dass er nie wegen mir geweint hatte, sondern wegen seiner Lügen. Er hatte nie vor Glück geweint, sondern vor Angst und Scham und vielleicht auch wegen der Erkenntnis, dass er niemals ein reines unschuldiges Glück haben würde, weil er es mit seinen Lügen von Anfang an immer wieder versauen würde. Nicht, dass ich danach nicht mehr belogen worden bin. So etwas gehört ja zum allgemeinen Sport. Aber nie mehr so konsequent, nie mehr so kreativ, nie mehr so verzweifelt, wie von S.

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Monday, 6. September 2004

Verschlagworten, einordnen, aufräumen, sortieren, belegen, beweisen. Was mache so mit ihrem Leben machen, frag ich mich oft. Ich hab schon genügend Probleme damit, mein Leben einzuordnen, aber es gibt doch immer wieder welche, die sich die ganze Zeit damit beschäftigen, den Dingen ihren Sinn zu geben. Sie einzuordnen in ihr Koordinatensystem, und wenn es nicht passt, dann wird es eben so lange niedergemacht, bis die anderen doch einsehen müssen, wie man es richtig macht. Festgefressenes Ideologiegekrampfe, an dem schon mehr als eine Generation zu Grunde gegangen ist. Hab ich nie verstanden. Diese Arbeit und Mühe, die sich mache da machen. Leben und vor allem die Randbezirke des Lebens in denen man selber wandelt, haben mich immer fasziniert. Ich habe nicht den Anspruch des Verstehens, eher des feinstofflichen Erfühlens. Die Schönheit am Abgrund. Muss ich immer alles verstehen? Nope, will ich auch gar nicht. Aber ich schaue es mir an, ziehe hier und da was raus, probiere vieles aus, manchmal zu meinem eigenen Schaden. Aber die Lust, Dinge anders zu erleben, zu erfühlen, ist eben immer da. Ich weiß nicht, was es aus mir macht, aber ich probiers mal aus, dann werde ich ja schon sehen.

Diese Neugierde hat mir eine Menge Drogenerfahrungen eingebracht. Ich hab meine Nase in knietiefe Kokainteppiche gedrückt und fand es sehr geil, wenn der die kleinen Kristalle durch meine Adern geräubert sind, und alles weggerissen habe, was mich bremst. Wie eine wildgewordene Kehrmaschine. Ich hab mir danach auf grünen Badewannenvorleger zwischen die Beine gegriffen, bin mit 220 über die Autobahn gebrettert, die Fenster offen, und auf jeden Fall jenseits von gut und böse. Ich hab mir mir auf einem Goa irgendwo im Osten zusammen mit einem gefährlich dürren Rastamenschen Pilze in den Hals geworfen, solange, bis ich wirklich dachte, ich könnte die Aurafarben der Steine erkennen. Am nächsten Tag war es mir zwar ein bisschen peinlich, dass ich jedem stundenlang erzählt habe, wie toll die Steine doch seien, aber schön war’s dennoch. Ich habe Extasy genommen und gedacht, das gleich entweder mein Herz zerspringt oder mein Kopf platzt. Was in einem Fall dann zu einer unangenehmen Nacht geführt hat, weil ich wirklich davon überzeugt war, dass gleich mein Herz platzt. Ich hab in einer Wasser/Urinlache neben einem undichten Klo gelegen, meine Hand unter meine Brust gepresst, weil ich dachte, ich könnte das Herz so zusammenhalten, es überreden, vielleicht doch nicht zu platzen. Ich sah winzige Haarrisse in den Adern, die das Herz umgeben, sah die Risse größer werden, mein Blut in meinen Körper strömen, und es war mir sonnenklar, dass mein Herz dem Druck einfach nicht standhalten könnte, und dass man mich gleich tot in der blöden Urinlache in dem blöden Club finden würde, und ich hab immer wieder den Namen meines längst toten Hundes gejammert.
Ich hab mich piercen lassen, hab mich mal aus einem Flugzeug stoßen lassen, mit zwei Frauen im Bett gelegen, mit zwei Männern auch, und einem längst verschollen Freund dabei geholfen, mit meiner besten Freundin ins Bett zu gehen. Ich hab meine Grenzen ausgetestet ich mache das heute wahrscheinlich immer noch, sonst hätte ich den irren Maler wahrscheinlich längst aus meinem Leben verbannen müssen, weil er ein versoffener Irrer ist, der den Gin schneller wegsäuft, als ich ihn anschleppen kann, und er neulich einen Tobsuchtsanfall bekommen hat, weil ich zu wenig dabei hatte, und er mich angebrüllt, beschimpft und rumgeschubst hat. Daraufhin hab ich in ein gerade von ihm angefangenes Bild meine High Heels reingedonnert, was ihn derartig fertigmachte, dass ich im ersten Moment dachte, dass er mich jetzt umbringt, aber er hat nur geheult und gesagt, dass ich ihn nicht lieben würde, was vermutlich stimmt.

Was soll man machen? Die Pfade, die man gehen muss, damit man leben kann, sind so vorgegeben. Arbeit, Geld, Miete, Essen, Schlafen. Ich kann Leute verstehen, die das schön finden, die ihr Leben darauf ausrichten, immer weitere Leitplanken zu bauen, immer mehr Netze ziehen, die irgendwann feststellen, dass sie Bully lustig finden, auch wenn dessen Humor noch spießiger ist, als der von Peter Alexander, die das brauchen, dass die Grenzen immer enger gesteckt werden, das die Regeln dauerhaft sind, die sagen, dass die vielen neuen Überwachungsgesetze ja niemanden stören der keinen Dreck am Stecken hat, die die Diäten aus der Brigitte/Freundin/Petra machen, weil dieses Jahr die verdammte Modeindustrie die Größen wieder runtergesetzt haben, wegen der ganzen Mädchen mit den Winzärschen, die sonst in der Kinderabteilung ihre Hosen einkaufen müssten. Kann man alles machen, bitte. Aber das ist nicht meins. Ich will was anderes, auch wenn ich vielleicht Gefahr laufe, eine durchgevögelte, alte Frau mit schlechten Zähnen und zu alter Haut zu werden. (Botox, my love). Ich mache den Leuten mit den Regeln keine Vorwürfe, ich bemitleide sie nicht. Sie haben ihr, ich hab mein Leben. Ich verstehe nur oft nicht, warum sie ihre Regeln auch unbedingt auf andere ausweiten müssen. Warum sie versuchen, alles und jeden diesen Regeln zu unterwerfen, warum die glauben zu beurteilen zu können, ob meine Sicht der Welt richtig oder falsch ist, ob ich etwas verstanden habe, oder immer haarscharf an ihrer vordefinierten Dummheit entlang schramme. Manchmal haue ich meine Nase in einen Kokshaufen, manchmal lasse ich mich auf einem dreckigen Tisch neben vollen Aschenbechern vögeln, mir blaue Flecken an meinen Brüsten verpassen lassen, weil ich denke, dass es der einzige Weg ist, etwas zu lernen. Und darum geht’s ja wohl, ums eigene lernen. Um die eigenen Schmerzgrenzen, um zu sehen, was dahinter kommt, ob der Ekel da ist, oder dieses Kribbeln, dieses Gefühl einen verbotenen Schritt gemacht zu haben. Wohin auch immer. Die Erkenntnis ist ja ein alter, lahmer Gaul, der immer als letzter einläuft.

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Monday, 30. August 2004

Ich werd ab und an gefragt, warum ich so selten etwas eintrage. Da könnte ich jetzt eine ganze Menge an Gründen aufführen, aber vor allem gibt es einen: Wenn ich denn schon mal was schreibe, dann muss es sitzen. Dann muss ich vor allem erst mal selber damit zufrieden sein. Schreiben gehört nicht eben zu meinem Hauptberuf. Zwischendurch macht es mal Spaß, aber es ist keine Berufung. Oft genug fällt es mir schwer, auch nur eine Zeile schreiben zu können, weil ich das Gefühl habe, dass ich zu weit weg von mir selber bin. Oder zu abgelenkt, wegen Arbeit, Privatleben was weiß ich.
Ich schreibe öffentlich nun bald ein Jahr, und manchmal bin ich erstaunt, welche Reaktionen ich hervorrufe. Warum sich manche an der Art und Weise wie ich schreibe so sehr reiben. Sicher, wenn ich manche Blogs lese, dann fällt meine Kinnlade auch schon mal sehr weit nach unten, aber drei Sekunden nach dem wegklicken, ist es wieder gut. Mein Leben ist viel zu anstrengend, als das ich mich auch noch über so was aufrege. Warum andere diesen Mechanismus bei sich selber nicht finden, ist mir ein Rätsel.

Diese Hartnäckigkeit, mit denen manche Menschen den Dingen begegnen, die sie nicht versehen, kenne ich aus, jetzt kommt eine große Überraschung, einer Affäre. Mit einem Berliner Schauspieler. Kennen gelernt hatte ich den auf einer Premierenfeier, auf die mich meine unermüdliche Freundin K. hingeschleppt hatte. Die mag so was. Die mag in Charlottenburg rumstehen und Sektgläser zwischen den Fingern rollen. Die mag Fummel tragen und sich über Renditen unterhalten. Vor allem aber mag sie Schauspieler. Junge Schauspieler, die zwar ein bisschen was geschafft haben, aber immer noch rotgesichtig nach der Aufführung an der Bierbar rumhängen. Da versucht sie gerne mal zu zu greifen, meist ohne Erfolg, weil, sagt sie, Schauspieler ein inzestuöses Volk seien, die nur mit sich selber ficken und auch nur dann, wenn sie sicher sind, dass der/die andere auch versteht, was sie machen. Erinnere mich dabei gerade an eine Diskussion mit einer Schauspielerin, in der es darum gibt, ob man sich als Partner eigentlich jemals sicher sein kann, dass die Partnerin einen Orgasmus hatte, und selbst wenn sie hat, ob man den nicht als schlechtes Schauspiel empfindet.
Jedenfalls hatte K. mich auf diese Premiere geschleppt und sehr viel später an der Bar orderte ich zwei Wodka für K. und mich, weil wir dachten: "Jetzt ist es auch egal". Ich stand da, sagte "Zwei Wodka" und schräg hinter mir einer "Drei!". Aus unverschämt wunderschönen Augen blitzte es in meine Richtung und ich sagte "Aber doppelte". Wenn etwas so schon los geht, dann weiß man ja wie das endet. Also später Sex, sehr lustigen, sehr viel später dann noch mal. Dann war er wieder weg, irgendwo anders spielen, was mir nicht unangenehm war, denn so richtig konnte ich mit ihm nichts anfangen. Gut, Augen. Aber das reicht ja nun wirklich nicht. Auch im Bett war er, eher hmpf. Also lustig, wie erwähnt, weil er Klassiker während des Vögelns beiläufig runter murmeln konnte, und nach (seinem) Orgasmus immer so hübsch aufgedreht war.
Ich war damals aber gerade auf der Suche nach den unteren Bereichen meines Selbstbewusstseins und Selbstwertgefühls, und empfand es als herausragende Idee, dies gerade auch im Bett aus zu probieren. Also gab es ein paar Dinge die wollte. Mit ekstatischen Worten der Unfreundlichkeit bedacht werden. Detaillierten Anweisungen folgen. An den Haaren gezogen werden. Gefickt werden im allgemeinen.
Dies wiederum stand in völligen Gegensatz zu der Art von Liebe, die der junge Herr im Kopf hatte. Er wollte GROSSARTIGEN, WELTERSCHÜTTERNDEN Sex, bei dem man sich DAS HERZ AUS DER BRUST REISSEN WILL und man Ende zitternd, vielleicht ein wenig zusammen weinend neben einander lag. [Hervorhebungen von ihm] Das konnte nicht gut gehen, den so was wollte ich nun schon mal gar nicht. Ich wollte lieber von einem Egomanen befriedigt werden, als einem Egomanen zu befriedigen. Das wir in unserer sexuellen Handlungsweise nicht eben parallel tickten, machte ihm auch große Sorgen. Ich solle mehr positiv denken, sagte er. Ich solle doch die Schönheit des Moments in dem wir alle seit der Geburt doch zum ersten Mal gleich seien, genießen, meinte er. Gute Idee, dachte ich, dass mache ich, nachdem ich mich fertig gemacht habe.

Was mir nicht klar war, war der Umstand, dass sein Sendungsbewusstsein keineswegs am Theaterausgang aufhörte. Er hatte sich vorgenommen, mir zu zeigen, wie das geht, mit dem erfüllten Sex. Ich sägte ihn ab. Er ließ sich nicht von seiner Mission abbringen. Ich ging auf eine Party und knutschte vor seinen Augen mit einem anderen rum. Er schaute mich traurig an und sagte "Ich weiß, dass Du das nur machst, weil Du nicht anders kannst." Ich sagte "Falsch, weil ich nichts anderes kann". Er war davon überzeugt, dass ich etwas falsch mache, er wollte mich gerade biegen. Er wollte es auch dann noch, als er Monate später eine Freundin hatte. Er rief weiter mindestens einmal die Woche an, er schrieb mir Briefe. Ich sagte immer: "Wir leben einfach andere Dinge. Ich will Dich doch auch nicht von Deinem abbringen, also lass mir mein Leben" Er hörte nicht zu. Er sagte: "Du vergeudest das Leben" und ich antwortete "Genau! Du hast begriffen". Hatte er nicht.

Es dauerte lange, bis er mich in Ruhe ließ. Irgendwann war er verschwunden in der Provinz, Bielefeld oder so. Einmal sah ich ihn bei "Ein Fall für Zwei" als Kneipenbesucher. Ich verstehe das bis heute nicht, warum man sich an Dingen festklammert, die nicht für einen gemacht sind. Weil man sich was beweisen will? Weil man denkt, dass die eigene Meinung für andere wichtig oder gar maßgebend sein sollte? Weil sonst nichts zu tun hat, und was zum aufregen sucht, so in der Art eines Rentners, der Falschparker weitermeldet? Warum nicht einfach mal denken: Nicht mein Leben, finde ich doof, aber ich hab ja meins, dass ich jetzt gerne ohne Unterbrechung weiter leben möchte. Wie gesagt, ein Rätsel, aber vielleicht auch einfach nur unterschiedliche Prioritäten im Leben.

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Thursday, 5. August 2004

Kalte Hand am Hintern. Meine wird’s nicht sein, so verknotet schlaf ich nicht. Achja. Erinnerung. Das ist ja schon mal passiert. Grad gestern morgen. Und davor auch. Und vorher war das Ritual. Der Austausch der digitalen Identitäten, dann SMSen und mailen. Ich bin eine Wahnsinnige, wenn es um so was geht. Ich will einen Stecker in seinem Kopf haben, damit ich alles rausziehen kann, was mich interessiert, was mich abstößt. Gerade das, was mich abstößt, denn ich will ja einen Grund haben, es nicht zu tun. Das wird, nicht besonders überraschend, immer gerne falsch verstanden und am Ende als Interesse ausgelegt. Als Interesse fürs Ficken. Dabei will ich eigentlich abchecken, welche Gründe es geben könnte, genau das nicht zu tun, damit ich am Ende nicht so eine Überraschung habe, wie eine kalte Hand auf meinem Hintern von einem kahlgeschorenen Maler, der wahrscheinlich wahnsinniger ist, als ich es jemals in meinem Leben sein kann. Ich meine, wer drei mal drei Meter große Leinwände mit Werbesprüchen, Blut, Sperma, Ölfarbe, Wasser, Zeitungsausrissen und halbverbrannten Playmobilfiguren herstellt kann einfach nicht alle beieinander haben. Ich lass mich zur Not in Ketten legen, wenn mir danach ist, mich später beschissen fühlen und mit meinem Selbstverständnis rum zu kämpfen kann schon mal dazu gehören, aber der wichst auf eine Leinwand, auf ein Britney Spears Bild.
Angefangen hatte diese, offenbar noch nicht abgeschlossene Episode meines Lebens, auf einer dieser hinterm Hinterhof, rechts, fünfter Stock, lila Klingel Treptow mit Wasserblick Parties. Alles weiß, Porno an Wand, Bier in der Hand, Leute, die man sonst auf attac Demos vermutet, und von denen nun endlich mal weiß, was sie Abends machen. Ich hatte nach kurzem Augenschein wenigsten ein paar Schwarze, Latinos oder Inder vermutet, aber es gab nicht mal einen der sonst üblichen Ex-Exil Chilenen, die sonst in der Stadt auf jeder Party rumhängen. Es gab, immerhin, gute Musik und meine Hose saß auch. Was will man erst mal mehr.
Dann später Performance. Performance klingt für mich immer ein bisschen nach cholerischem Trendforschergebrüll. Da exaltiert sich einer, weil er was sagen will, und weil er was provozieren will, aus seinem Selbst heraus, das natürlich alle anderen nicht verstehen, weil sie zu doof sind. Was soll er dann auch sonst machen außer brüllen, denn sonst hört ja keiner zu. Also wurde es still und man hörte diese Stimme, die von irgendwo her kam, aber scheinbar nicht aus dem Raum, bis man feststellte, dass da einer hinter den meterlangen, roten Dingern stand, die wohl Bilder sein sollten. Er redete mal leise, mal laut, mal davon, dass er gerne seiner Sozialamtsachbearbeiterin in den Mund pinkeln würde (betroffenes Schweigen der attac Belegschaft), mal erzählte er von einem kleinen Hund, den er als Kind hatte, mal wie er Abends über Britney Spears kommen würde, immer mitten in die Fresse rein. Da lachte die attac Gesellschaft und ich auch, aber ich hab dann nicht mehr gelacht, als er mir drei Wochen später gestand, dass er das tatsächlich machen würde und mich bat dabei zu zu sehen, was ich auch gemacht habe, weil ich es einfach nicht glauben konnte. Wieder klüger geworden.
An dem Abend aber noch nicht, da hab ich gelacht, weil ich es einfach absurd fand, dass jemand hinter seinem Bild steht und es versucht mit Metaphern zu erklären. Metametaebene. Aber das, was dann hinter dem Bild auftauchte, hat mir fast die Stiefel ausgezogen und ich hab unwillkürlich den Bauch eingezogen, weil ich die Idee sehr gut fand, dass ich ihn geil machen könnte. Es nicht so, dass mich die Äußerlichkeit eines Körpers in irgendeiner Form beeinflussen könnte. Ich fand Männer schön, die mindestens 20 Kilo zuviel auf den Rippen hatten, und wenn ich mit ihnen unterwegs war und eine Tusse meinte "Oh, sehr gemütlich", dann hab ich gesagt "Ein Mann ohne Bauch, ist wie ein Zaun ohne Latten" und ich hab das ernst gemeint. Aber der Maler hat eine Figur, die mich "umpf" sagen lässt. Ein tolles, angedeutetes V, eine kantigen Schädel, einen Arsch aus Eisen, und selbst wenn er nackt ist, ist es so, als ob er eine zweite Haut trägt.
Viele Biere später war mir sein Vortrag dann ebenso egal wie seine Bilder von der Größe Andorras. Ich wollte ihn ausziehen, und das möglichst schnell. Aber ich war für ihn wohl so eine Mitte-Schlampe, so eine, bei der man schon sehen kann, dass sie bald nach Charlottenburg in eine Altbau-Wohnung zieht und jungen Künstlern eine Vernissage verpassen kann, weil sie mal mit einem Galeristen gevögelt hat, der Jahre später seine Bisexualität entdeckt hat. Ich war für ihn zu glatt, zu geil, zu anhänglich. Aber offenbar auch zu leicht ergatterbares Fleisch, als dass er sich nicht gemeldet hat. "Ich dachte," sagte er irgendwann später, " Du bist so eine, die eine schnelle Trophäe sucht, mal eben mit einem Künstler gefickt, aber nicht nach gedacht, warum der Künstler ist." Ne, so bin ich nicht, hab ich versichert, und so bin ich auch wirklich nicht, denn wenn ich merke, dass mir einer gefährlich wird, dann mach ich eben meine SMS und Mail Arie. Aber ich hab ihn angesehen, ihm zwischen die Beine gegriffen und "Wer weiß" gesagt. Nur nichts preisgeben.
Er hat mich dann in seiner Wohnung/Schlafzimmer/ Atelier/Küche bekocht. Was langweiliges indisches, und er hat mir seine Bilder gezeigt, von denen ich keins verstanden habe, und das mit den vielen Schlieren drauf noch irgendwie spannend fand. Da hab ich „Pollock“ gesagt, und er hat mich angesehen, und gesagt, dass sei ja toll, er würde Pollock so geil finden, er würde ihn dekonstruieren wollen und noch was oben drauf setzen. Ich hab ihm nicht gesagt, dass das ein echter Zufallstreffer meinerseits war, weil ich Ed Harris so toll finde, der mal einen Film über Pollock gemacht hat. Ich meine, hey, ich wollte diesen Maler wirklich.

Wir haben uns unfassbar betrunken. Wir haben so viel getrunken, dass ich fast den Eindruck hatte wieder nüchtern zu werden. Wir haben die Nacht durch geredet, und haben im Morgengrauen endlich den Tisch zwischen uns beiseite geschoben um im stehen zu ficken. Er mir einfach die Klamotten vom Leib gerissen, mir derartig in meine Brust gebissen, dass ich seinen Gebissabdruck noch eine Woche später sehen konnte. Er hat mir die Hose und den Slip runter gezogen, mich gegen den Tisch gestellt und ich hab versucht mich abzustützen ohne dass die dreimillionen Flaschen runterfallen. Er hat sich keine Zeit genommen, und von außen sah es wahrscheinlich aus, als wenn ein chinesischer Schnellimbisskoch an seinen Wok rumrüttelt. Später noch mal, aber mit mehr Gefühl, dann am nächsten Morgen das erste mal die kalte Hand auf meinem Hintern. Man muß mit ihm nämlich bewegungslos schlafen. Eingerollt auf der Seite – patsch - Hand auf dem Hintern. Und es ist egal, ob es draußen 30 Grad hat, oder man unter der Decke liegt. Seine Hand wird irgendwann kalt. Wenn man es ihm sagt, dann lacht er und antwortet „Zuviel Zigaretten, schlechte Durchblutung“ was ich ihm sofort glaube, wenn er seine Füße unter meine schiebt.

Ich hab ihn dann mal gefragt, was er da eigentlich macht, mit seinen Bildern. Dann kam eben Pollock und eine lange Erklärung, die darauf hinaus lief, dass alles Schlechte aus ihm heraus malen will. Er will es herausbrechen, auskotzen, am liebsten sein Herz aus Brust reißen, und das Blut auf der Leinwand verschmieren. Nach einer Malsession ist er ein erschöpftes, kleines Kind, vorher ein ekelhafter Berserker. Mit ihm vor einer Malsession zu schlafen, bedeutet Schmerz, Angst und Willkür. Dann nimmt er sich, was er braucht, ohne auch nur einen Moment darüber nachzudenken, was ich denke. Dann will er mich auf der angefangenen Leinwand ficken, damit er die Flecken in sein Bild einarbeiten kann. Nach der Session ist weich, warm, leicht, anhänglich, verletzlich, eine wunde Seele. Manchmal eine Seele, die büßen will. Ich verstehe nicht, was er will. Ich hab keine Ahnung, warum er so ist, wie er ist. Ich weiß nicht, ob er über mich herfällt, weil er Angst hat, oder ob wissen will, wann ich ihm eine Grenze setze. Wann ich „Stop“ sage, weil ich das Gefühl nicht mehr ertragen kann, ein Werkzeug zu sein. Und er hat mich benutzt. Ich musste mich auf die Leinwand setzen und es mir selber machen. Er wollte zusehen, hat dabei einen blauen Kreis um mich gemalt und ist fast wahnsinnig geworden, als ich nicht kommen konnte. Er hat mich beschimpft, sich verzweifelt abwendet, als wenn ich eine Schülerin sei, die 1+1 nicht zusammen zählen kann. Ich hab ihm gesagt „Dann fick mich halt hier“ und er hat gesagt „Das macht das ganze Bild kaputt, du blöde Fotze.“
Ich weiß, dass er mich nicht zerstören kann. So etwas weiß man schnell. Er kann mich an Haken unter die Decke hängen, aber ich weiß, dass er mir nicht weh tun kann. Er sagte neulich: „Ich mag Dich dafür, dass ich Dir nichts tun kann, aber es macht mir auch Angst.“ Da hab ich in mich hinein gelächelt und ich wusste, dass ich keine Angst mehr vor ihm haben muss.

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Thursday, 22. July 2004

Ich hab Taschen voller Sünden und mein Herz war das letzte Mal rein, als gebeichtet habe. Das musste ich früher mehrfach im Jahr, völlig unabhängig davon ob ich nun selber von der Maßnahme überzeugt war, oder nicht. Mit 12 ist man schon der Meinung, dass ein unerlaubter Griff in die Keksdose nicht mehr wirklich ein Grund für den Gang in den Beichtstuhl ist, aber der Vater sah das anders. "Irgendwas," so seine These, "irgendwas wird schon gewesen sein." Und wenn nicht, würde der Gang sicher nicht schaden. Wenn man darauf stand, schwitzend Höllenqualen in einer Holzkiste auszustehen, dann sicher nicht. Bei mir regierte die Angst und der Ekel. Angst, weil ich mir nie sicher war, ob der Priester wegen seines guten Drahtes nach oben nicht doch irgendwas ausgraben würde, was ich schlicht weg vergessen hatte. Ekel, weil nicht nur er zwischen dem Korbgitter dass mich von ihm trennte in meine Richtung stank, sondern weil der ganze alte Beichtstuhl infernalisch roch. Jahrhundertalter Geruch aus Mündern, Achseln ungewaschenen Unterleibern, fettigen Haaren und dem widerlichen 4711 Geruch meiner Vorgängerin hatten sich in das dunkle Holz gefressen. Für einen Moment musste man immer die Luft anhalten, und diese so langsam wie möglich durch die Nase entweichen lassen. Ein stummes Schnauben, den Kehlkopf weit nach oben gedrückt, damit die abgestandene Luft nicht eindringen konnte. Natürlich musste man knien. Das war damals noch üblich, zumindest bei uns. Man betrat also voller Angst im Bauch und angehaltenem Atem den knarrenden Beichtstuhl, kniete sich auf das abgewetzte, dunkle Leder und wartete darauf, dass sich auf der anderen Seite etwas tat, während sich die Augen an die Dunkel gewöhnten. Ein Räuspern, eine dunkle Gestalt die sich nach vorne beugte und die ersten Worte sprach. Das war der Moment, an dem man nicht mehr die Luft anhalten konnte, denn man musste, "Ja, Vater ich habe gesündigt" sagen. Das erste was einem fast das Bewusstsein nahm, war die Mischung aus Beichtstuhlgeruch und Schnaps. Letztere Wolke kam allerdings vom Priester. Ich versuchte meine Nase immer ein wenig zu der Seite zu halten, in der er gerade nicht atmete, aber es war schwer dem beißenden Geruch auszuweichen. Jedem Atemzug den er tat, folgte unweigerlich das Ausatmen und mein Kampf mit der Übelkeit. Den Beichtstuhl verließ ich verwirrt und benommen, betete schnell meine "Vater unser" und "Ave Maria" runter und sah zu, dass ich schnell da raus kam.

In meinem Elternhaus herrschte keine besondere Frömmigkeit. Beide hatten und haben für so was auch viel zu wenig Zeit. Meine Vater arbeitete damals wie heute rund um die Uhr meine Mutter hatte genügend mit sich selbst und wechselnden Wohnungseinrichtungen zu tun. Aber es gab eben bestimmte Traditionen und dazu gehörte auch der Beichtgang vor Ostern und Weihnachten. Die Kirche lag nicht weit von unserem Haus weg, und wenn ich aus dem Fenster meines Kinderzimmer schaute, konnte ich den spitzen Turm sehen, der gerade ebenso die höchsten Bäume, die unser Grundstück umrandeten, übertraf. Wenn ich heute aus dem Fenster schaue, kann ich sehen, dass die Bäume gewonnen haben.
Der Weg zur Kirche dauerte vielleicht fünf Minuten. Fünf-Mädchen-Gang-Minuten. Aber er kam mir jedes Mal viel zu kurz vor. Die Angst, der Priester würde mich plötzlich an ein Vergehen erinnern, dass ich selbst gnädigerweise verdrängt hatte, war immens. Also versuchte ich in den Wochen vor Ostern oder Weihnachten möglichst rechtschaffen zu leben. Ich hatte gelernt, dass die Gedanken der Quell allen Übels sind. Denke ich was böses, dann ist es um mich und im schlimmsten Fall auch um meine Eltern geschehen. Verdammnis, Glutregen, Hölle, ewige Qualen. Gut, mit nicht mal 10 Jahren denkt man so viel böses, außer, dass man dem fetten Nachbarjungen wünscht, er möge verschwinden oder sich einen Arm brechen, damit endlich Ruhe ist. Doch so was war in meinem Horizont schon so etwas wie ein ausgelöster Atomkrieg. Mit 12 sah das etwas anders aus.

Dem Nachbarjungen hatte ich mittlerweile den Arm gebrochen. Mehr oder weniger zufällig. Mein Satz: "Höher traust du dich nicht?" löste wohl eine Art Imponiergehabe bei ihm aus, obwohl er hätte wissen müssen, dass die dünnen und morschen Äste des unseres alten Pflaumenbaums ihn niemals tragen würden. Ich hatte nicht gedacht, dass er abstürzen würde, aber gehofft hatte ich es sehr. Der kleine, dicke, immer schwitzende Junge sollte runterfallen und sich weh tun. Der gebrochene Arm, der in einem völlig lächerlichen Winkel von seinem Körper abstand, war eine Zugabe, die mich erst erschrak, dann freute. Ihn weniger, meine Mutter am allerwenigsten, denn die musste ihn nicht nur ins Krankenhaus fahren sondern auch seiner Mutter den Vorfall erklären.
Trotzdem hatte ich nicht das Gefühl, etwas falsches getan zu haben. Er hatte mich die letzten drei Jahre genervt und mir am Tag zuvor ungefragt seinen Jungenpenis gezeigt. Er hatte sich jahrelang vor meinen Augen mit Süßigkeiten vollgestopft, immer mit einer Hand die Schale mit den Gummibären (meine Gummibären) gegriffen, dann eine Faust, dann die ganze Faust in den Mund, natürlich die dazu passenden Geräusche nicht auslassend. Er hatte sich den gebrochenen Arm redlich verdient. Fand ich. Also hab ich es nicht gebeichtet und siehe da, es passierte auch nichts. Keine Hölle, ein Erzengel, der mich aus dem Bettchen klaute, kein Kainsmal. Aha, dachte ich, Gerechtigkeit geht also auch ohne Kirche.

Die Besuche im Beichtstuhl wurden noch unangenehmer. In den Beichtstuhl musste ich mittlerweile nicht. Als nach und nach etliche Kirchgänger das zeitliche gesegnet hatten, verlegte er die Sprechstunde kurzerhand in seine Privatwohnung neben der Kirche. Man durchquerte einen leeren Flur, in dem nur das grüne Wählscheibentelefon stand und bog direkt rechts in sein Büro ab. Mehr als den Flur und Büro hab ich nie von der Wohnung gesehen, was mir aber auch nicht unrecht war. In dem kleinen, engen Büro eine Art Holzbord zum draufknien, dass neben seinem Schreibtisch stand. Man kniete also vor ihm, während er sich die Sünden seiner Schäfchen anhörte. Dem Gestank war man aber deswegen nicht entflohen, man war eher vom Regen in die Traufe gekommen. Zum einen konnte er einem nun völlig ungehindert seine Alkoholfahne ins Gesicht blasen, zum anderen roch es in der Wohnung nach Mischung aus alten, nassen Pressspan, Socken, Schweiß, Kohlsuppe und Mülleimer. Das war nur um Nuancen besser als dass, was ich vorher erdulden musste. Verschlimmert wurde die Situation dadurch, dass man ihn nun auch sehen konnte. Sein Gesicht mit der breiten, fetten Nase und den vielen kleinen geplatzten Adern, die wie ein Spinnennetz über ihr lagen, seinen fusseligen, roten Bart in dem immer irgendein merkwürdiger Fetzen hing, seine langen, abgebrochenen Fingernägel. Der ganze Mensch löste in mir sämtliche Fluchtinstinkte aus.

Das letzte Mal war ich mit 13 da. Da wollte er plötzlich nicht wissen, was ich so in den letzten Monaten mit meinen Eltern angestellt habe, sondern nur noch, ob ich Nachts auch sündige Gedanken hätte. Ich tat so, als ob ich ihn nicht verstehen würde, was ziemlich schwierig war, angesichts der Tatsache, dass er die ganze Zeit auf meine nun wirklich noch kaum entwickelten Brüste starrte. Das war mir nicht neu, immerhin starrten alle Jungs in meinem Alter auf die Titten der Mädchen, die schon welche hatten, bzw. es wurden plötzlich Lehrerinnen populär, die einen möglichst tiefen Ausschnitt hatten, und der König war der, der einen Zipfel des BHs sehen konnte. Ich hatte noch keinen BH, aber ein enges, dünnes Sommerkleid an, als ich da vor ihm kniete. Machte ihn das geil, zu sehen, wie ich da vor ihm kniete? Vielleicht prägte er sich das Bild und dachte Abends drüber nach, wie er wäre, wenn ich in die Soutane greifen würde? Ob ich mich berühren würde, wollte er wissen, und mit 13 war ich doch so gewitzt ab dem Moment zu erkennen, was da abging. Ich sagte verwirrt ja, und setzte hinzu, dass man das ja machen müsse, wenn man sich morgens zum Beispiel das Gesicht waschen würde. Er lächelte nur und meinte ?Braves Kind?, aber ich sei nun in einem Alter, in dem die Sünde es ganz besonders auf mich abgesehen hätte, besonders Nachts, da würde der Teufel kommen und die Hände führen, man könne da gar nichts machen, außer beten aber die Sünde sei dann meist schon geschehen. In einem solchen Fall müsste ich mir genau einprägen, was und wie es geschehen sei, und ihm unverzüglich Berichterstatten. Ja ja, dachte ich, am Arsch die Räuber, du kannst mich mal.
Ich bin dann nach Hause gegangen, hab meine Mutter aus der Lektüre des Quelle Katalogs gerissen und ihr erzählt, dass der Priester mir diesmal so merkwürdige Fragen gestellt habe. Danach musste ich nicht mehr beichten gehen. Der Priester ist ein paar später abgelöst worden, aus Altersgründen, wie meine Mutter meinte.

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Saturday, 10. July 2004

Neuer Monat, neues Blog. Der Dank geht an die Frau Meisterköchin, die es überhaupt erst möglich gemacht hat, dass ich nun auch auf dem Antville Server hausen darf.

Hat etwas länger gedauert, der Umzug, aber die Tage bestanden sowieso aus langen Fäden aus Zuckerrübensirup, die mich langsam einwickelten und immer bewegungsloser werden ließen. Ein Zustand der langsamen inneren Verwesung gesellte sich dazu. Dieser Zustand, wenn man zu lange im eigenen Saft gekocht hat, der nun abgestanden ist und bedrohlich stinkt. Man watet missmutig herum und weil es gerade eh nicht so schön ist, kommen auch noch die Zuckerrübensiruptage. Da wundert es nicht, wenn man irgendwann hinfällt. Glatte Ledersohlen auf Kopfsteinpflaster nebst nicht mehr wirklich nüchtern makes me fall. Der Fall auf den Hintern war gar nicht so schlimm, im ersten Moment musste ich sogar lachen, weil es so absurd war, weil sich alles so zusammenfügte, und weil grad keiner kam, bin ich mal sitzen geblieben, hab mir eine Zigarette angezündete, geseufzt während meine Jeans sich langsam vollsog. Endlich mal nicht aufstehen müssen, wenn man auf die Fresse gefallen ist, dass kam mir gerade recht. Aber so blöd mitten auf dem Bürgersteig rumsitzen war mir dann auch nicht recht, also mich drei Meter auf den Treppenabsatz eines Hauses geschleppt und innerhalb von einer halben Stunde immerhin zweimal die Frage ob es mir gut gehen würde oder ob mich ausgeschlossen habe, beantworten müssen.
Aber die Zuckerrübenfäden hatten gerade gewonnen. Ich konnte mich nicht mehr bewegen, ich wollte da ein wenig sitzen und rumstarren, das Blitzlichtgewitter der Gedanken passieren lassen. Mir fiel S. ein, die Verrückte. Meine erste große Liebe zu einer Frau. Das erste was ich von ihr sah, waren ihre pechschwarzen Haare, die aus dem Nichts ragten. Sie stand mitten in einem Raum, drumherum das übliche Partygewimmel, ich hatte sie nie vorher gesehen aber jemand hatte den Magneten angeschaltet.

Meine bisherigen Erfahrungen mit Frauen beliefen sich auf ein Partygeknutsche mit einer Studienkollegin, für das ich eine Menge Alkoholika gewonnen hatte und über das ich meine damalige Affäre verlor. Er hatte erstens nicht damit gerechnet dass ich das mache, und zweitens nicht erwartet, dass ich das den restlichen Abend machen würde, während er linkisch rum stand und sich von seinen Freunden dumme Sprüche anhören musste. Meine zweite Erfahrung passierte in einem Urlaub vielleicht ein halbes Jahr später an irgendeinem Strand irgendwo an der Atlantikküste, da wo man halt hinfährt, so mit Anfang 20, ohne Geld in der Tasche, nur mit der lauen Sehnsucht nach Ruhe, Luft und schönen Abenden am Meer, mit Freunden, die den Korken in eine Weinflasche reindrücken können, und wo ich einer sehr, sehr blonden, sehr, sehr durchtrainierten Surferin mit einem wundervollen, unfaßbar festen Hintern zum Opfer fiel, was völlig ok gewesen wäre, hätte ich nicht zu viel Rotwein getrunken und meine Erinnerungen an den Verlauf der weiteren Nacht eher dürftig waren. Der Schädel am nächsten Morgen ärgerte mich nur halb so viel, wie die leider verschwommen Erinnerungen, die nicht viel mehr als verknotete Körper und eine ungewohnte fremdartig des Sex preisgeben wollten. Und klar, die eigenen Phantasien drehten sich gerne mal um das Thema.
S. stach also wie ein schwarzes Leuchtfeuer aus der Masse raus und ich hatte im Laufe des Abends eine leise Ahnung davon, wie es sich für einen 15jährgen Jungen anfühlen muss, wenn er sich in eine acht Jahre ältere Frau verliebt. Ich lächelte schief, ich bekam meine Gedanken nicht zusammen, und ich hatte keine Ahnung, wie ich das anstellen sollte, da ich ja bisher entweder betrunken oder Opfer oder beides war.

Sie arbeitete in einer Kneipe und als ich sie hinter dem Theke stehen sah, wurden mir drei Dinge klar: Erstens, die Frau hatte einen echten Schaden, zweitens, sie war unfassbar schön, auch wenn sie eine Art Maiglöckchenkranz in ihrem Haar trug und drittens: das rumort schwer in meinem Bauch. Überhaupt war das alles sehr ungewohnt. Ich war es nicht gewohnt, die Initiative zu ergreifen, schon gar nicht über so eine lange Zeit. Ich war es gewohnt, dass andere die Initiative ergreifen, spätestens dann, wenn ich ihnen das Gefühl gegeben hatte, dass sie nun die Initiative ergreifen.

Ihr meine Hand auf die Brust zu legen war leicht. Ihre auf meiner zu spüren war anders. Nichts geschah ab diesem Moment langsam. Ich hatte das Gefühl, dass alles in Sekundenbruchteilen geschah, dass sich alles im Zeitraffer abspielte. Das es nicht nur zwei Hände waren, die über meine Haut strichen, sondern vier oder sechs oder zehn. Alles geschah gleichzeitig, ihre Hände auf meinen Hintern, ihr Kopf zwischen meinen Beinen, ihre Zunge an meinem Hals, in meinem Mund, auf meiner Brust, in mir, ihre langen, so schönen pechschwarzen Haare auf meinem Gesicht, meine Hände auf ihrer Haut, meine Zunge in ihrem Mund, auf ihren Schenkeln. Alles gleichzeitig, alles viel zu schnell und deswegen wollte ich auch nicht mehr aufhören, auch wenn jede Nervenzelle schon längst doppelt überreizt war.

Es war spannend, am nächsten Morgen wach zu werden und den Rücken einer Frau zu sehen, den Hintern, die Beine. Und das ging sogar auch alles eine zeitlang mal gut und blieb spannend. Vielleicht, weil es so neu war für mich, vielleicht, weil wir uns selten sahen, vielleicht, weil sie außerhalb des Betts so schrecklich stumm blieb. Sie wollte Haut spüren, sagte sie, das würde mehr geben als jedes Wort und es hatte eine schreckliche Schönheit, wenn sie nach den Berührungen meinen Arm nahm und ihn um sich legte. Manchmal dachte ich, dass sie gleich weinen wird, das irgendwas rausbrechen würde, aber sie schlief immer nur friedlich ein.

Natürlich blieb das nicht so. Es legten sich die ersten Schatten auf die Sache und mir wurde klar, dass ich meiner eigenen Versuchung erlegen war. Und meinem atlantischen Verlust. Ich wollte eine Frau, ich wollte einen Schritt weiter gehen, ich wollte einen neuen Berg, einen neuen Kick. Ich wollte meine Hände in einen Schoß bergen. Ich wollte mit einer Frau schlafen, ich wollte ausprobieren, was für mich geht. Ich wollte Hände, Haut und Zunge. Sie wollte ein Bett für ihre Seele. Und sie war das Medium, mehr nicht. Und je mehr mir das klar wurde, desto stärker regte sich mein Fluchtinstinkt, auf den ich mich blind verlassen kann.

Ich hatte jahrelang nicht mehr an sie gedacht, bis zu dem Moment, wo ich auf den feuchten Stufen eines Hauseingangs saß und Kette rauchte. Wahrscheinlich ist mir die ganze Geschichte wieder eingefallen, weil ich die Unbeschwertheit vermisse, die ich mit ihr Bett gespürt habe. Diesen leichtsinnigen, explosiven Verlust der letzten Jungfräulichkeit. Das gab es danach nie mehr. Ich hab noch viele Sachen ausprobiert, aber diese Leichtigkeit, diese umfassende Glückseligkeit, die gab es nicht mehr, weil es entweder eine Wiederholung war, oder weil ich seitdem meine Mechanismen besser kenne, und genau weiß, dass ich Dinge ausprobiere, weil ich wieder diesen Kick erwarte, von dem ich ahne, dass er nicht kommen wird. Vielleicht häufen sich deswegen auch die Zuckerrübensiruptage.

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Schade Elf Jahre You spät
bin ich leider auf diesem Blog gekommen. Schade denn diese...
by Francesa (6/12/15 4:42 PM)
Sehr schade, da bin ich
wohl ein paar Jahre zu spät auf den Blog...
by Chris123- (10/10/11 4:46 PM)
sehr schön :) Eine hinreißende
Geschichte. Auch ich habe schon überlegt wie es wäre mit...
by ariane19 (6/30/11 3:36 PM)
auch fieber?
by don papp (10/1/07 10:53 PM)
tolle bücklinks hier
by DaveKay (10/1/07 10:43 PM)
Beirut Der stand wohl voll
unter dem Einfluss von "Operation Dinner out", wenn es diesen...
by mainbube (5/21/07 4:37 PM)
Ist es denn so,
dass man nur ohne Lüge reines Glück haben kann?
by kleinesf (5/4/07 3:22 PM)
am Rande verstanden aber wie
gehts weiter? Kommt noch was? Wo ist sie denn?
by rixr (4/19/06 4:06 PM)
Künstlerglück: Ein Pornoteppich ist auch
kein Frauenvideorecorder. Gruß Gunter Kunst ist bewußte Kreativität. Kreativität ist...
by gunter gutenberg (10/17/05 7:16 PM)
Frei und Unmoralisch. Wahnsinn! Ich
hab dich in der Kiste und wir essen Kopfsalat. Gruß...
by gunter gutenberg (10/17/05 7:08 PM)
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