Thursday, 22. July 2004

Ich hab Taschen voller Sünden und mein Herz war das letzte Mal rein, als gebeichtet habe. Das musste ich früher mehrfach im Jahr, völlig unabhängig davon ob ich nun selber von der Maßnahme überzeugt war, oder nicht. Mit 12 ist man schon der Meinung, dass ein unerlaubter Griff in die Keksdose nicht mehr wirklich ein Grund für den Gang in den Beichtstuhl ist, aber der Vater sah das anders. "Irgendwas," so seine These, "irgendwas wird schon gewesen sein." Und wenn nicht, würde der Gang sicher nicht schaden. Wenn man darauf stand, schwitzend Höllenqualen in einer Holzkiste auszustehen, dann sicher nicht. Bei mir regierte die Angst und der Ekel. Angst, weil ich mir nie sicher war, ob der Priester wegen seines guten Drahtes nach oben nicht doch irgendwas ausgraben würde, was ich schlicht weg vergessen hatte. Ekel, weil nicht nur er zwischen dem Korbgitter dass mich von ihm trennte in meine Richtung stank, sondern weil der ganze alte Beichtstuhl infernalisch roch. Jahrhundertalter Geruch aus Mündern, Achseln ungewaschenen Unterleibern, fettigen Haaren und dem widerlichen 4711 Geruch meiner Vorgängerin hatten sich in das dunkle Holz gefressen. Für einen Moment musste man immer die Luft anhalten, und diese so langsam wie möglich durch die Nase entweichen lassen. Ein stummes Schnauben, den Kehlkopf weit nach oben gedrückt, damit die abgestandene Luft nicht eindringen konnte. Natürlich musste man knien. Das war damals noch üblich, zumindest bei uns. Man betrat also voller Angst im Bauch und angehaltenem Atem den knarrenden Beichtstuhl, kniete sich auf das abgewetzte, dunkle Leder und wartete darauf, dass sich auf der anderen Seite etwas tat, während sich die Augen an die Dunkel gewöhnten. Ein Räuspern, eine dunkle Gestalt die sich nach vorne beugte und die ersten Worte sprach. Das war der Moment, an dem man nicht mehr die Luft anhalten konnte, denn man musste, "Ja, Vater ich habe gesündigt" sagen. Das erste was einem fast das Bewusstsein nahm, war die Mischung aus Beichtstuhlgeruch und Schnaps. Letztere Wolke kam allerdings vom Priester. Ich versuchte meine Nase immer ein wenig zu der Seite zu halten, in der er gerade nicht atmete, aber es war schwer dem beißenden Geruch auszuweichen. Jedem Atemzug den er tat, folgte unweigerlich das Ausatmen und mein Kampf mit der Übelkeit. Den Beichtstuhl verließ ich verwirrt und benommen, betete schnell meine "Vater unser" und "Ave Maria" runter und sah zu, dass ich schnell da raus kam.

In meinem Elternhaus herrschte keine besondere Frömmigkeit. Beide hatten und haben für so was auch viel zu wenig Zeit. Meine Vater arbeitete damals wie heute rund um die Uhr meine Mutter hatte genügend mit sich selbst und wechselnden Wohnungseinrichtungen zu tun. Aber es gab eben bestimmte Traditionen und dazu gehörte auch der Beichtgang vor Ostern und Weihnachten. Die Kirche lag nicht weit von unserem Haus weg, und wenn ich aus dem Fenster meines Kinderzimmer schaute, konnte ich den spitzen Turm sehen, der gerade ebenso die höchsten Bäume, die unser Grundstück umrandeten, übertraf. Wenn ich heute aus dem Fenster schaue, kann ich sehen, dass die Bäume gewonnen haben.
Der Weg zur Kirche dauerte vielleicht fünf Minuten. Fünf-Mädchen-Gang-Minuten. Aber er kam mir jedes Mal viel zu kurz vor. Die Angst, der Priester würde mich plötzlich an ein Vergehen erinnern, dass ich selbst gnädigerweise verdrängt hatte, war immens. Also versuchte ich in den Wochen vor Ostern oder Weihnachten möglichst rechtschaffen zu leben. Ich hatte gelernt, dass die Gedanken der Quell allen Übels sind. Denke ich was böses, dann ist es um mich und im schlimmsten Fall auch um meine Eltern geschehen. Verdammnis, Glutregen, Hölle, ewige Qualen. Gut, mit nicht mal 10 Jahren denkt man so viel böses, außer, dass man dem fetten Nachbarjungen wünscht, er möge verschwinden oder sich einen Arm brechen, damit endlich Ruhe ist. Doch so was war in meinem Horizont schon so etwas wie ein ausgelöster Atomkrieg. Mit 12 sah das etwas anders aus.

Dem Nachbarjungen hatte ich mittlerweile den Arm gebrochen. Mehr oder weniger zufällig. Mein Satz: "Höher traust du dich nicht?" löste wohl eine Art Imponiergehabe bei ihm aus, obwohl er hätte wissen müssen, dass die dünnen und morschen Äste des unseres alten Pflaumenbaums ihn niemals tragen würden. Ich hatte nicht gedacht, dass er abstürzen würde, aber gehofft hatte ich es sehr. Der kleine, dicke, immer schwitzende Junge sollte runterfallen und sich weh tun. Der gebrochene Arm, der in einem völlig lächerlichen Winkel von seinem Körper abstand, war eine Zugabe, die mich erst erschrak, dann freute. Ihn weniger, meine Mutter am allerwenigsten, denn die musste ihn nicht nur ins Krankenhaus fahren sondern auch seiner Mutter den Vorfall erklären.
Trotzdem hatte ich nicht das Gefühl, etwas falsches getan zu haben. Er hatte mich die letzten drei Jahre genervt und mir am Tag zuvor ungefragt seinen Jungenpenis gezeigt. Er hatte sich jahrelang vor meinen Augen mit Süßigkeiten vollgestopft, immer mit einer Hand die Schale mit den Gummibären (meine Gummibären) gegriffen, dann eine Faust, dann die ganze Faust in den Mund, natürlich die dazu passenden Geräusche nicht auslassend. Er hatte sich den gebrochenen Arm redlich verdient. Fand ich. Also hab ich es nicht gebeichtet und siehe da, es passierte auch nichts. Keine Hölle, ein Erzengel, der mich aus dem Bettchen klaute, kein Kainsmal. Aha, dachte ich, Gerechtigkeit geht also auch ohne Kirche.

Die Besuche im Beichtstuhl wurden noch unangenehmer. In den Beichtstuhl musste ich mittlerweile nicht. Als nach und nach etliche Kirchgänger das zeitliche gesegnet hatten, verlegte er die Sprechstunde kurzerhand in seine Privatwohnung neben der Kirche. Man durchquerte einen leeren Flur, in dem nur das grüne Wählscheibentelefon stand und bog direkt rechts in sein Büro ab. Mehr als den Flur und Büro hab ich nie von der Wohnung gesehen, was mir aber auch nicht unrecht war. In dem kleinen, engen Büro eine Art Holzbord zum draufknien, dass neben seinem Schreibtisch stand. Man kniete also vor ihm, während er sich die Sünden seiner Schäfchen anhörte. Dem Gestank war man aber deswegen nicht entflohen, man war eher vom Regen in die Traufe gekommen. Zum einen konnte er einem nun völlig ungehindert seine Alkoholfahne ins Gesicht blasen, zum anderen roch es in der Wohnung nach Mischung aus alten, nassen Pressspan, Socken, Schweiß, Kohlsuppe und Mülleimer. Das war nur um Nuancen besser als dass, was ich vorher erdulden musste. Verschlimmert wurde die Situation dadurch, dass man ihn nun auch sehen konnte. Sein Gesicht mit der breiten, fetten Nase und den vielen kleinen geplatzten Adern, die wie ein Spinnennetz über ihr lagen, seinen fusseligen, roten Bart in dem immer irgendein merkwürdiger Fetzen hing, seine langen, abgebrochenen Fingernägel. Der ganze Mensch löste in mir sämtliche Fluchtinstinkte aus.

Das letzte Mal war ich mit 13 da. Da wollte er plötzlich nicht wissen, was ich so in den letzten Monaten mit meinen Eltern angestellt habe, sondern nur noch, ob ich Nachts auch sündige Gedanken hätte. Ich tat so, als ob ich ihn nicht verstehen würde, was ziemlich schwierig war, angesichts der Tatsache, dass er die ganze Zeit auf meine nun wirklich noch kaum entwickelten Brüste starrte. Das war mir nicht neu, immerhin starrten alle Jungs in meinem Alter auf die Titten der Mädchen, die schon welche hatten, bzw. es wurden plötzlich Lehrerinnen populär, die einen möglichst tiefen Ausschnitt hatten, und der König war der, der einen Zipfel des BHs sehen konnte. Ich hatte noch keinen BH, aber ein enges, dünnes Sommerkleid an, als ich da vor ihm kniete. Machte ihn das geil, zu sehen, wie ich da vor ihm kniete? Vielleicht prägte er sich das Bild und dachte Abends drüber nach, wie er wäre, wenn ich in die Soutane greifen würde? Ob ich mich berühren würde, wollte er wissen, und mit 13 war ich doch so gewitzt ab dem Moment zu erkennen, was da abging. Ich sagte verwirrt ja, und setzte hinzu, dass man das ja machen müsse, wenn man sich morgens zum Beispiel das Gesicht waschen würde. Er lächelte nur und meinte ?Braves Kind?, aber ich sei nun in einem Alter, in dem die Sünde es ganz besonders auf mich abgesehen hätte, besonders Nachts, da würde der Teufel kommen und die Hände führen, man könne da gar nichts machen, außer beten aber die Sünde sei dann meist schon geschehen. In einem solchen Fall müsste ich mir genau einprägen, was und wie es geschehen sei, und ihm unverzüglich Berichterstatten. Ja ja, dachte ich, am Arsch die Räuber, du kannst mich mal.
Ich bin dann nach Hause gegangen, hab meine Mutter aus der Lektüre des Quelle Katalogs gerissen und ihr erzählt, dass der Priester mir diesmal so merkwürdige Fragen gestellt habe. Danach musste ich nicht mehr beichten gehen. Der Priester ist ein paar später abgelöst worden, aus Altersgründen, wie meine Mutter meinte.

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toll

feine geschichte ausgedacht
mehr ueber das rubbeln:
nfj.druck-stelle.de

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Toll Du Troll

Was soll immer der Mist mit dem "ausgedacht/Geschichte /bullshit/Psychoanalytikern"?
Ich liebe das was meine Augen hier entschlüsseln.
Manchmal bin ich kurz zu zweit, am Ende sehr oft belustigt, immer warm nachdenklich und oft, fragt mich nicht warum, glücklich. Ob wahr/war oder nicht, was macht es denn? Ich find den Blog hier super und bin eher entäuscht so selten etwas neues zu lesen.

peaches: Dein link ist ekelhaft. Wer so etwas ohne weiteres verlinken kann, sicher auch.

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Find ich gar nicht

Ich stimme peaches zu. Die Geschichten hier sind zwar nicht schlecht, aber mir persoenlich zu unglaubwuerdig, wie uebrigens die gesamte Person der belledejour.

Im uebrigen ist die nfj.druck-stelle eine ziemlich schoene Seite und wer sie so pauschal ekelhaft nennt, der weiss wahrscheinlich nicht viel von dem, was es fuer Abgruende im Netz gibt.

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bloss weil noch nicht jeder solche g'schichtln erlebt hat, heisst das nicht automatisch, sie wären "unglaubwürdig" oder "erfunden".wer dem prinzipiell pauschal misstraut, weiss wahrscheinlich nicht viel von dem, was es für abgründe im leben gibt.aber im netz mega auskennen.
just my 2 cents.lasst das thema endlich ruhen, it's gettin' old.

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Gestank

Der Tag wird gefeiert, an dem sich der letzte Katholik mit dem Gedärm des letzten Protestanten aufgehängt hat.
Ecrasez L`Infame!

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Also arieliri,

prinzipiell und pauschal ist hier gar nichts. Nur persoenliche Meinungen. Und wer sagt, dass wer belle nicht mehr hundertprozentig glaubt, keine Ahnung vom Leben hat? Vielleicht liegt es ja gerade daran, dass man weiss, wie das Leben laeuft. Denk mal drueber nach.

Im uebrigen sind es mehr die kleinen Dinge, die mich stutzig machen, nicht die Geschichten an sich.

Und das mit dem Netz: lass mal, da kann sich keiner auskennen, aber man kann Vorurteile haben oder genau hinschauen.

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Zitat

in einem meiner Lieblingsfilme, wird der Protagonist gefragt, was er den gegen Videokameras hätte. Antwort: "Ich erinnere mich an die Dinge lieber so, wie ich mich an sie erinnere... nicht so... wie sie gewesen sind. "

Soviel zum Vorwurf der Unglaubwürdigkeit aus meiner Sicht.

Wer mir den richtigen Film nennt, den lade ich auf Wunsch zum Sushi bei mir ein :-)

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"Ich erinnere mich an die Dinge lieber auf meine Art, nicht wie sie passiert sind"

war das nicht "Lost Highway"? von David Lynch?

Auf jeden Fall einer der schrägsten Filme,
die ich jemals gesehen habe.

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Kartoon Comment:

Gib mir Pflanzennamen!

Darf ich dich SalatUschi nennen?

Gruß Gunter

Kunst ist bewußte Kreativität.Kreativität ist Addition

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johny

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dragon ball z dokkan battle pc is also doing...
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